Biografie
01.02.2025
Hans-Jürgen Tillich
Biographie eines Botanikers
Eine Geschichte mit unplanbaren und unvorhersehbaren Wendungen und Zufällen.
Ich kam am 23. März 1943 in Potsdam zur Welt. Mein Bruder Bernd-Rüdiger wurde am 04. Juni 1944 geboren. Unser Vater, Hans Tillich, war Soldat an der Ostfront, wir waren typische Fronturlaubs-Kinder. Unser Vater kam erst 1947 aus russischer Kriegsgefangenschaft wieder nach Haus. Er arbeitete dann als Schaltwärter bei der Potsdamer Straßenbahn. Unsere Mutter, Lotte Tillich, (gelernte Schneiderin) war Hausfrau.
Unsere Kindheit und Jugend waren geprägt von ständiger Geldknappheit. Nur durch die Schneiderarbeiten unserer Mutter war das karge Auskommen der Familie gesichert.
Grundschule 1949–1957
Oberschule: Helmholtz-Oberschule Potsdam, 1957–1961
Ich war ein ziemlich fauler Schüler, was durch eine relativ gute Auffassungsgabe großenteils wettgemacht werden konnte. Im Gegensatz zu der in der DDR generell üblichen Mitgliedschaft in den „Jungen Pionieren“ und der „Freien Deutschen Jugend“ (FDJ) gehörte ich keiner dieser Massenorganisationen an. In meinem Jahreszeugnis der 11. Klasse wurde angemahnt, dass ich mich noch um den richtigen „Klassenstandpunkt“ bemühen müsse.
Abitur im Mai 1961
Im Sommer 1960 hatte ich mit dem aktiven Lauftraining begonnen, zunächst bei der SV Lokomotive Potsdam, später beim SC Potsdam. Das tägliche, sehr intensive Training hielt ich neben dem Studium und der Doktoranden-Zeit bis 1969 durch.
So bewarb ich mich gleich nach dem Abitur an der PH Potsdam für die Fächer Sport und Germanistik.
Die Aufnahmeprüfung in Germanistik habe ich nicht bestanden, weil ich über den Arbeiter-Schriftsteller Hans Marchwitza fast nichts wusste. Was nun?
Jetzt beschloss ich, an der Freien Universität (West-)Berlin (FU) zu studieren. Mit der S-Bahn war man in 20 Minuten von Potsdam in Westberlin. Das Problem dabei war, dass dort das 12jährige Abitur der DDR nicht anerkannt wurde. Deshalb schrieb ich mich am Gymnasium in Berlin-Steglitz ein, um die 13. Klasse und die Abiturprüfung nach zu holen. Das Schuljahr sollte am 1. September 1961 beginnen.
Dann kam der 13. August mit dem Bau der Berliner Mauer. Der Weg nach Westberlin war abgeschnitten. Katastrophe! Was nun?
Von September bis Dezember nahm ich einen Job im Konsument-Warenhaus als Expedient an. Ich war verantwortlich für das übersichtliche Stapeln der Leergutkisten, ihre Beschriftung und die Ausfertigung der Versandpapiere, damit die Kisten an die Lieferfirmen zurück geschickt werden konnten. Das war natürlich keine Lebensaufgabe.
Hinter unserem Häuserblock gab es eine Kleingarten-Anlage, in der wir einen Garten besaßen.
Ich besann mich darauf, dass ich immer gern im Garten gearbeitet und mich für die Pflanzen interessiert hatte. So nahm ich all meinen Mut zusammen und fragte Anfang Januar 1962 beim Direktor des Botanischen Gartens Potsdam, ob es die Möglichkeit einer Gärtner-Ausbildung gäbe. Und es gelang ihm tatsächlich, mich in das laufende Lehrjahr auf zu nehmen. Abiturienten hatten eine nur zweijährige Lehrzeit, mir blieben also nur eineinhalb Jahre, um den gesamten Stoff zu erlernen. Die Lehrstelle war insofern ein besonderer Glücksfall, als kurz zuvor eine Regelung in Kraft getreten war, wonach die Gärtnerausbildung in der DDR nur noch in gärtnerischen Produktionsbetrieben erlaubt war. Die Zeit im Botanischen Garten hat mich stark geprägt und entfachte endgültig meine Begeisterung für die Botanik. Ich kaufte mir den „Strasburger“ und studierte besonders intensiv die Kapitel zur Anatomie, Morphologie und Systematik.
Nach Abschluss der Lehre bewarb ich mich erneut an der PH Potsdam, jetzt aber für die Fächerkombination Biologie/Landwirtschaft. Bei der Aufnahmeprüfung wurde ich nun als „besonders geeignet“ eingestuft. Damit war der Studienplatz sicher.
Studium 1963–1967
Während des Studiums und der anschließenden Aspirantur hielt ich engen Kontakt zum Botanischen Garten. Ich war regelmäßig zum Wochenend-Gieß- und Heizdienst eingeteilt. Das Heizen war eine recht harte Arbeit, da als Heizmaterial ausschließlich Rohbraunkohle zur Verfügung stand. Sie war teils grob brockig, teils hatte sie die Konsistenz von Blumenerde, und sie war immer sehr feucht. Im Winter war sie hart gefroren.
Staatsexamens-Arbeit: Die Ruderal- und Segetalgesellschaften in der Umgebung von Potsdam
Ein nächster Glücksfall: Ich wurde direkt nach dem Studium in die Wissenschaftliche Aspirantur (Doktorandenstelle) aufgenommen. Mein akademischer Lehrer, Prof. Friedrich Bergann, überließ seinen Doktoranden die Wahl des Arbeitsgebietes. Ich entschied mich für die Infloreszenz-Morphologie, angeregt von Wilhelm Trolls damals ganz neuer Synfloreszenz-Konzeption. Wegen des reichen Bestandes im Botanischen Garten und der Vielfalt der Blütenstände (von einblütigen Saxifraga-Arten bis zu Thyrsen mit mehreren tausend Blüten bei Rodgersia) fiel die Wahl auf die Saxifragaceen und ihre Verwandten.
Promotion 1970 (summa cum laude) mit: Die Infloreszenzen der Saxifragales.
Im Juni 1969 heiratete ich Die Biochemie-Aspirantin Barbara Lämmer.
Im gleichen Jahr gab es in der DDR die „Dritte Hochschulreform“. Eines ihrer Ergebnisse war, dass die bis dahin existierenden Pädagogischen Institute (für die Ausbildung von Grundschul-Lehrern) zu Pädagogischen Hochschulen ausgebaut wurden. Das geschah teils durch Anschluss an nahe gelegene Universitäten, teils durch Zusammenschluss zweier PIs. So wurde in Thüringen aus den Pädagogischen Instituten Erfurt und Mühlhausen die Pädagogische Hochschule Erfurt/Mühlhausen. Der Hauptsitz war Erfurt, in Mühlhausen befand sich die Sektion Chemie/Biologie. Die neuen Pädagogischen Hochschulen waren fortan im Forschungs- und Lehrniveau den Universitäten gleich gestellt, es galten für das Lehrpersonal die gleichen Qualifikations-Anforderungen wie an den Universitäten.
Mit dieser Neuordnung war die Schaffung zahlreicher neuer Stellen verbunden. Der Chef meiner Frau, der Biochemiker Prof. Heinz Gräser, erhielt einen Ruf nach Mühlhausen. Damit ergab sich die Möglichkeit einer Stelle für meine Frau und schließlich (wieder mit einigem Glück) auch für mich. So siedelten wir im Herbst 1969 nach Mühlhausen um. Wir ahnten noch nicht, dass wir die nächsten 24 Jahre in Thüringen verbringen würden.
Im November 1969 kam unser Sohn Thomas zur Welt, im April 1971 wurde unsere Tochter Anke geboren
Prof. Gräser musste nach kurzer Zeit einsehen, dass ich für seine Art zu forschen völlig ungeeignet war. Ich hatte damit wiederum freie Wahl meines künftigen Arbeitsgebietes.
Die Anregung für meine eigene künftige Forschungsrichtung kam aus dem Botanischen Grundpraktikum. Zum Standardprogramm Botanischer Anfänger-Praktika gehört seit Jahrzehnten der Vergleich einer dicotylen und einer monocotylen Keimpflanze. Üblicherweise dienen dazu (aus rein praktischen Gründen: Größe, leichte Beschaffbarkeit, gute Lagerfähigkeit, Keimung binnen weniger Tage) Samen von Bohne oder Erbse und vom Mais. Die Frage aufgeweckter Studenten: „wo oder was ist denn hier am Mais das eine Keimblatt?“ war nicht glaubwürdig zu beantworten. Das Problem weckte mein Interesse.
Es ist wichtig zu wissen, dass die wissenschaftliche Arbeit in der DDR und in besonderem Maße an den Pädagogischen Hochschulen sehr stark durch ideologische Beschränkungen behindert wurde. Wir durften keinerlei Kontakte zu Personen im „kapitalistischen Ausland“ haben. Selbst das einfache Anfordern von Sonderdrucken (das Internet war noch lange nicht erfunden) war nicht erlaubt.
Zum Glück war uns das russische Referate-Organ „Referativnyi Shurnal“ zugänglich, das mit etwa halbjährigem Verzug sehr ausführlich die internationalen Zeitschriften auswertete. Mit diesen Zitaten war es möglich, über die Fernleihe Bücher und Zeitschriften-Bände zu bestellen. Das führte dazu, dass zum Leidwesen unserer Bibliothekarin oft größere, schwere Kartons mit vielen Bänden eintrafen, die in der Regel binnen 14 Tagen wieder zurück geschickt werden mussten. Die Literaturarbeit erforderte sehr viel Zeit: es gab keine Kopierer, so entstanden hunderte Seiten handschriftlicher Literaturauszüge! Viele Fernleihe-Anforderungen kamen auch in Form von Mikrofilmen. Das Lesen dieser Mikrofilme mit einem lichtschwachen Lesegerät oder mit einer Lupe war wieder eine sehr anstrengende Übung.
Es gab ein kleines Schlupfloch für West-Kontakte: Die Botanischen Gärten durften Ihre Samenkataloge weltweit an Botanische Gärten verschicken und bestellte Samenproben empfangen bzw. versenden. Die Sektion Chemie/Biologie in Mühlhausen unterhielt einen kleinen Botanischen Garten, der jährlich einen Samenkatalog erstellte. Dieser Katalog enthielt neben der geringen Samenausbeute des Gartens vor allem Wildsaatgut aus Thüringen. Derartige Wild-Aufsammlungen sind in Botanischen Gärten sehr gefragt. So erhielt der BG Mühlhausen jährlich im Austausch ca. 150 Samenkataloge aus aller Welt. Auf diesem Weg konnte ich reichlich Saatgut bestellen und bekam so die Möglichkeit, mit dem systematischen Studium monocotyler Keimpflanzen zu beginnen. Damit stand mir ein weites Arbeitsgebiet offen, dass noch weit gehend unbearbeitet war. Die dafür erforderlichen technischen Voraussetzungen waren gering: Ein Labortisch, über dem einige Leuchtstoffröhren installiert waren, ein Satz großer Petrischalen, und eine gute Mikroskop-Ausstattung. Letzteres stand zur Verfügung, da glücklicherweise der VEB Carl Zeiss in Jena als inländischer Produzent hochwertiger Mikroskope existierte.
Damit hatte ich mir ein ergiebiges Arbeitsgebiet erschlossen, und es gab offensichtlich weltweit keine ähnliche Unternehmung.
Im Laufe der 70er Jahre habe ich Keimpflanzen von hunderten Arten angezogen und gezeichnet, oder auch als Makrofotos aufgenommen. Die Ergebnisse, einschließlich einer ersten plausiblen Interpretation des Graskeimlings, flossen in meine Habilitationsschrift ein, die 1982 im Umfang von zwei dicken A4-Bänden vorlag: „Vergleichend-morphologische Untersuchungen an Keimpflanzen der Liliopsida (Monocotyledonen)“ (Gutachter waren Walter Vent (Berlin) und Bernhard Kaussmann (Rostock)).
Leider waren die Publikationsmöglichkeiten aus ideologischen Gründen sehr eingeschränkt. Es durfte nicht in internationalen Zeitschriften publiziert werden (Verbot von Westkontakten). Als Notlösung gaben die Universitäten und PHs sogenannte „Wissenschaftliche Zeitschriften“ heraus, die allerdings international wenig Beachtung fanden.
Das Botanische Institut der Humboldt-Universität Berlin kreierte eine Hauszeitschrift „Gleditschia“. In dieser Zeitschrift brachte ich 1985 eine kleine Arbeit über die Keimpflanzen der Araceen unter. Das hatte etwas später weit reichende Folgen.
Neben der Lehr- und Forschungsarbeit an der Hochschule war ich auch kontinuierlich mit der floristischen Erforschung der weiteren Umgebung von Mühlhausen und praktischer Naturschutzarbeit befasst. Von 1982 bis 1990 war ich Kreis-Naturschutzbeauftragter des damaligen Landkreises Mühlhausen, außerdem leitete ich die Kreisorganisation der Gesellschaft für Natur und Umwelt (GNU). Bis 1983 erarbeitete ich die Unterlagen für die Unterschutzstellung von 13 Flächennaturdenkmalen, der entsprechende Beschluss des Rates des Kreises erfolgte Ende des Jahres. Die floristische Arbeit wurde in einem Manuskript zur Flora von Mühlhausen zusammengefasst, das aber erst nach der Wende 1995 in der Haussknechtia (Jena) veröffentlicht werden konnte.
In der „Biologischen Gesellschaft der DDR“ waren alle biologischen Fachgesellschaften zusammengefasst, darunter die Gesellschaft für Geobotanik und Phytotaxonomie (GGP), der ich schon als Student beigetreten war. 1978 wurde ich in den Vorstand aufgenommen und rief kurz darauf die Arbeitsgruppe für Morphologie ins Leben, die fortan neben den Arbeitsgruppen für Geobotanik bzw. für Phytotaxonomie bestand. Im Zweijahresrhythmus wurden kleine Vortragstagungen organisiert, bei denen alle morphologisch arbeitenden bzw. interessierten Kollegen der DDR zusammen kamen.
1987 wurde ich zum Vorsitzenden der GGP gewählt, und diese Funktion hatte ich bis zur Auflösung der Gesellschaft 1991 inne.
Im Herbst 1987 geschah etwas, das es eigentlich gar nicht geben durfte: Ich erhielt einen Brief von Prof. Herbert Huber aus Kaiserslautern! Er lud mich ganz unbefangen zu einem Kolloquiumsvortrag nach Kaiserslautern ein mit der Zusage, dass die Uni die Reise- und Aufenthaltskosten übernehmen würde. Er war auf meine Araceen-Arbeit in der Gleditschia gestoßen. Eine Doktorandin arbeitete bei Ihm gerade über die Samenanatomie der Araceen, und deshalb war er sehr interessiert an meiner Arbeit. Der Brief war natürlich geöffnet, Post aus dem kapitalistischen Ausland ging grundsätzlich über den Tisch des „Direktors für internationale Beziehungen“, der de facto der Mann der Staatssicherheit (Stasi) war. Die Einladung wurde an das Ministerium für Volksbildung weitergeleitet und nun ganz offiziell geprüft. Ich musste und wollte natürlich auf diese Einladung antworten, dufte aber eigentlich keinen Kontakt zu einem Kollegen im „Westen“ aufnehmen. Ich musste zunächst die Entscheidung aus dem Ministerium abwarten. Da sich nach einigen Wochen nichts tat, schrieb ich schließlich einen Brief mit Dank für die Einladung und der Entschuldigung, dass ich (angeblich) einige Wochen im Ausland auf Exkursion gewesen sei und deshalb erst verspätet reagieren konnte. Dieser Brief musste, natürlich geöffnet, über den Tisch des Auslandsdirektors gehen. Als schließlich die Genehmigung aus dem Ministerium eintraf, musste ich eine sogenannte „Teildirektive“ schreiben, in der ich ausführlich darzulegen hatte, dass ich bei allen meinen Gesprächen im damals CDU-regierten Rheinland-Pfalz den Klassenstandpunkt und die Friedenspolitik der DDR vertreten würde. Ein einfacher Kolloquiums-Vortrag ähnelte geradezu einer Staatsaktion. Einen Tag vor der Abreise musste ich nach Berlin fahren und im Ministerium für Volksbildung meine Fahrkarten in Empfang nehmen.
Der dreitägige Aufenthalt im Spätherbst 1988 in Kaiserslautern war äußerst erfolgreich. Ich wurde herzlich bei Prof. Huber aufgenommen, und es gab viele sehr produktive fachliche Gespräche und Begegnungen.
Meine recht erfolgreiche Lehrtätigkeit, die Forschungsleistung und nicht zuletzt die umfangreiche ehrenamtliche Arbeit im Naturschutz und in der Biologischen Gesellschaft führten schließlich 1988 zur Berufung zum ordentlichen Professor für Systematische Botanik. Hausberufungen waren in der DDR ganz normal, öffentliche Stellenausschreibungen gab es nur in seltenen Fällen.
Im Herbst 1989 begann in der DDR die politische Wende, die als friedliche Revolution in die Geschichte eingegangen ist. Die bisher allmächtige SED war plötzlich entmachtet. Bis zum Oktober 1990 war die deutsche Einheit vollzogen. Das hatte tiefgreifende und oft dramatische Folgen für die Hochschulen und Universitäten der DDR. Auch für mich entstand wieder einmal eine vollkommen neue Situation.
Alle Leitungsebenen wurden neu besetzt, erstmals in geheimer Wahl. Die neue Leitung des Fachbereichs Biologie wählte mich zum Dekan. Damit war meine wissenschaftliche Arbeit für die nächste Zeit auf Eis gelegt.
Alle Mitarbeiter im öffentlichen Dienst wurden einer eingehenden politischen und wissenschaftlichen Evaluierung von dafür eigens eingerichteten Kommissionen unterzogen. Enttarnte Mitarbeiter der „Stasi“ und höhere Parteifunktionäre wurden sofort entlassen.
Wir mussten nun in kürzester Zeit komplett neue Studienpläne und Prüfungsordnungen nach bundesdeutschen Maßstäben erarbeiten. Die Hochschule erhielt einen neuen Struktur- und Stellenplan, was eine ca. 50%ige Reduzierung des Personals bedeutete. Allein die Entscheidung darüber, wer entlassen werden musste und wer bleiben konnte, war extrem nervenaufreibend.
In Erfurt hatte sich eine starke Bürgerbewegung gebildet, die vehement für die Wiedereröffnung der Erfurter Universität eintrat. Das hätte eine gute Perspektive für die PH Erfurt/Mühlhausen werden können, zumal es entsprechende Beispiele in den neuen Bundesländern gab: die PH Potsdam wurde direkt zur Universität aufgewertet, andere PHs wurden an Universitäten angeschlossen.
Aber der neue Freistaat Thüringen hatte nicht genügend Mittel, um neben der großen Universität Jena noch eine zweite voll ausgestattete Universität zu unterhalten. So entschied man im Thüringischen Wissenschaftsministerium, dass die PH komplett „abgewickelt“ wird. Damit stand auch meine berufliche Zukunft in den Sternen.
Es folgten drei äußerst turbulente und aufregende Jahre.
Im Sommer 1990 fand in Göttingen die Jahrestagung der Deutschen Botanischen Gesellschaft statt. Hier hatte ich zum ersten Mal die Gelegenheit, vor einem größeren Publikum über meine Keimlingsstudien zu berichten. Zu meiner Überraschung und Freude stieß der Vortrag auf sehr großes Interesse. Und wieder einmal sorgte ein glücklicher Zufall für eine neue Weichenstellung in meinem Leben. Zum Programm-Ende kam Prof. Grau aus München (der sonst nur sehr selten an Tagungen teilnahm) auf mich zu und lud mich zu einem Kolloquiums-Vortrag nach München ein! Während meines folgenden Aufenthalts in München legte er mir nahe, mich auf die gerade freie Professur für Systematische Botanik zu bewerben. Das lag weit jenseits aller meiner Vorstellungen. Ich wäre niemals auf die Idee gekommen, mich auf eine Professur an der berühmten Ludwig-Maximilians-Universität zu bewerben. Hinzu kommt, dass ich zu dieser Zeit durch meine Leitungsfunktion in Mühlhausen für die Abwicklung des Hochschulbereichs verantwortlich war. Die Ausbildung der Studenten musste bei gleichzeitigem Abbau aller Ressourcen so gut wie möglich zum Abschluss gebracht werden. Ich hatte große Skrupel, in dieser Situation eine Bewerbung in München bekannt zu geben, mich so zu sagen in einer für alle Beteiligten schwierigen Situation der Verantwortung zu entziehen und mich einfach aus dem Staub zu machen.
Da der Terminplan für die Bewerbung in München drängte, reichte ich schließlich zum spätest möglichen Termin Mitte 1992 die Bewerbungsunterlagen ein, reiste kurz darauf zu meinem Bewerbungsvortrag nach München und landete auf Platz eins der Bewerberliste.
Jetzt musste nur noch das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst die offizielle Berufung aussprechen. Was normalerweise ein mehr oder weniger formaler Verwaltungsakt ist, wurde in meinem Fall zu einer mehr als einjährigen Hängepartie. Das Ministerium tat sich offensichtlich sehr schwer damit, so kurz nach der politischen Wende einen Bewerber aus der ehemaligen DDR, noch dazu von einer Pädagogischen Hochschule, zum Professor und Bayerischen Staatsbeamten and der Ludwig-Maximilians-Universität zu berufen. Schließlich erhielt ich im August 1993 endlich das offizielle Berufungsschreiben für die Professur zum 01. 02. 1994.
Aber vorerst gab es noch weitere spannende Entwicklungen. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) in Bonn hate im Jahr 1991 einen Intensivkurs Englisch in den USA für leitende Angehörige ostdeutscher Hochschulen aufgelegt. Mit diesem Programm bekam ich einen Platz an der Brown University in Providence, Rhode Island, USA. Dieser Kurs brachte mir großen Gewinn für meine Sprachfähigkeit.
Inzwischen bahnte sich eine weitere unplanbare Wendung an. Die Royal Botanic Gardens Kew planten für den Herbst 1993 eine internationale Konferenz zur Systematik der Monocotylen. Eingeladen wurden Wissenschaftler aus der ganzen Welt, darunter auch Herbert Huber aus Kaiserslautern. Der war aber kein Freund von solchen Konferenzen, er meinte, was er zu dem Thema beitragen könne sei bereits publiziert, und die Teilnahme an der Konferenz sei für ihn vertane Zeit. Er sagte seine Teilnahme deshalb ab, empfahl dafür aber, den Herrn Tillich aus Mühlhausen einzuladen, weil der etwas wirklich Neues beizutragen hätte. Auf Grund dieser Empfehlung erhielt ich eine offizielle Einladung zu einem Plenarvortrag. Dieser Vortrag machte mich auf einen Schlag einem internationalen Kreis von Fachkollegen bekannt. Ich bekam plötzlich im wörtlichen Sinne weltweite Kontakte und traf auf sehr große Hilfsbereitschaft. Auf diese Weise konnte ich in den folgenden Jahren nach und nach Saatgut von vielen sehr seltenen und nur schwer beschaffbaren Arten der Tropen und der Südhemisphäre bekommen. Die Übersicht über die enorme Vielfalt der Keimlingstypen der Monocotylen wurde so allmählich immer vollkommener.
Auf der abschließenden Plenarsitzung wurde beschlossen, Konferenzen zur Systematik der Monocotylen in einem fünfjährigen Turnus zu wiederholen. Ich konnte in der Folge an „Monocots II“ 1998 in Sydney und „Monocots III“ 2003 in Los Angeles teilnehmen.
Am 1. Februar 1994 konnte ich endlich meine neue Aufgabe in München antreten. Ich wurde sehr herzlich und ohne irgendwelche Vorbehalte aufgenommen. Die neuen Arbeitsbedingungen waren faszinierend: Eine frei zugängliche, phantastische Bibliothek, ein riesiges Herbarium, und ein unglaublich reicher Botanischer Garten. Das war die Grundlage für 14 Jahre einer sehr erfolgreichen Arbeit. Das betrifft nicht nur die Tätigkeit im Labor, sondern in gleichem Maße auch die Lehre. Neben dem im Studienplan vorgeschriebenen Pflichtveranstaltungen hielt ich fakultative Vorlesungen zur Morphologie und Systematik der Monocotylen und in jedem Jahr eine gut besuchte „Einführung in die Ökologie für Lehramtler“. Zu den Höhepunkten der Lehrtätigkeit gehörten die jährlichen ein- bis dreiwöchigen Exkursionen mit Studierenden höherer Semester. Besonders hervor zu heben sind zwei Exkursionen nach Marokko (1995, 1999, zusammen mit Dieter Podlech) und nach Thailand (2005, unterstützt vom DAAD). Weitere Ziele waren NW-Spanien (1998), Nord-Griechenland (2001), die Havelniederung am Gülper See (2000, 2003), und Kreta (2004, 2006).
Die Ausbildung als Gärtner im Botanischen Garten Potsdam ganz am Anfang meiner Laufbahn war sehr hilfreich, um rasch ein gutes Verhältnis zu den Verantwortlichen und den Gärtnern des Botanischen Gartens zu finden. Ein besonders enges Verhältnis entwickelte sich rasch zu Josef Bogner. Als Leiter der Gewächshausabteilung und begeisterter Botaniker und Sammler hatte er im Laufe vieler Jahre eine einmalige Lebendsammlung monocotyler Familien zusammen getragen und erfolgreich kultiviert. Herausragend war die weltweit einmalige Sammlung von ca. 100 Gattungen der Araceen. Daneben gab es viele Vertreter kleiner und nur sehr selten kultivierter Familien, wie z.B. Cyanastraceen, Mayacaceen, Flagellariaceen, Hanguanaceen und Stemonaceen. Josefs Hilfsbereitschaft ermöglichte mir die Ernte seltener Samenproben und damit die Vervollständigung der Übersicht über die erstaunliche Vielfalt monocotyler Keimpflanzen.
1997 unternahm Josef Bogner zusammen mit vietnamesischen Kollegen eine Exkursion durch mehrere Nationalparks des Landes und kam, wie meistens, mit einem Koffer voller lebender Pflanzen zurück. Darunter waren zahlreiche Rhizomstücke mit je einem Blatt, die vermutlich zur Gattung Aspidistra gehörten. Der weitaus größte Teil der zu diesem Zeitpunkt beschriebenen Arten war nur aus China bekannt. In den folgenden Jahren entwickelten nach und nach die meisten Pflanzen Blüten, und es stellte sich heraus, dass es sich durchweg um unbeschriebene Arten der Gattung Aspidistra handelte. Die Blüten waren erstaunlich und unerwartet vielgestaltig. Leider kam es nie zur Frucht- und Samenbildung. Über die Bestäubung war noch nichts bekannt. Aber mein Interesse an dieser Gattung war geweckt und ließ mich nicht mehr los. 2005 veröffentlichte ich einen ersten Bestimmungsschlüssel mit 93 Arten, darunter 15 Neubeschreibungen. Ab 2007 begann eine enge Zusammenarbeit mit Leonid Averyanov (Sankt Petersburg), mit ihm zusammen sowie mit Kollegen aus Vietnam und China haben wir laufend neue Arten beschrieben. Das Internet ermöglichte die Fortsetzung dieser Zusammenarbeit über meine Pensionierung (2008) hinaus. Auch in China wurden Jahr für Jahr neue Arten entdeckt. So konnte ich 2023 einen neuen umfassenden Bestimmungsschlüssel für 209 Arten veröffentlichen.
Mein zweites Arbeitsfeld als Pensionär betrifft die Erforschung der Flora des Westerwaldes. Nach 10 Jahren intensiver Geländearbeit ist die „Inventur der Flora des südlichen Westerwaldes“ erschienen (2021).